Streichinstrumentenspiel im 18. und frühen 19. Jahrhundert

Wesent­liche Unterschiede zwischen einer historischen Ein­richtung der Streich­instrumente und der modernen Standard­einrich­tung sind die Verwen­dung von speziellen Darm­saiten und der weit­gehende Ver­zicht auf die Hal­tung erleich­ternde Vor­richtun­gen wie zum Bei­spiel der Stachel beim Violon­cello und der Kinn­halter bei der Violine. Aus der Ver­wendung von nach histo­rischen Metho­den her­gestellten Darm­saiten entsteht allerdings die Not­wendigkeit eines Rückbaus – einer um­fassenden Verän­derung der aus­wechsel­baren Teile der Streich­instrumente – um die klang­lichen Mög­lich­keiten dieser Saiten zur Ent­faltung zu bringen.

Schon das beträcht­liche Ge­wicht eines modernen massiven Eben­holz­griff­brettes (eines der schwersten Höl­zer) trägt zur modernen Kon­zeption eines grund­tönig durch­dringenden Klang­bildes bei. Bis zum Beginn des neun­zehnten Jahr­hunderts wurden Griff­brett und Saiten­halter über einem Fichten­holz­kern in Furnier­technik herge­stellt und wogen nur halb so viel. Auch der Baß­balken, eine Ver­stärkung der Decke im Inneren des Ins­truments, kann bei Ver­wendung his­torischer Saiten moderater aus­fallen und verändert so das Schwingungs­verhalten maßgeblich. Die Decke wird weniger stark gedämpft und ermög­licht so eine in­tensivere Ver­stärkung des Oberton­spektrums der Saiten. Die Verwendung von Darm­saiten bringt indes ein em­pfindliches Problem mit sich: Das Material ist stark hygros­kopisch – es reagiert auf jede Ver­än­derung der Luft­feuchte, was sich in der Praxis durch eine Ver­änderung der Ton­höhe während des Vor­trags bemerkbar machen kann. Bei sehr hoher Luft­feuchtig­keit neigen Darm­saiten auch zu An­sprache­problemen, was oft zu un­erwünsch­ten Pfeif­tönen führt.

Wenn auch die historische Be­saitung in ihrer Hand­habung den modernen Ent­wick­lungen aus Kunst­stoffen und Metall­legie­rungen nachsteht, so liegen ihre Vor­züge in einer be­sonderen Klang­quali­tät. Der Klang der Darm­saiten ist komplexer, viel­fäl­tiger, farbiger, aber auch weniger rund, weniger schlacken­los als der Klang der modernen Saiten. Das Spiel mit Darm­saiten ist “sprechen­der” – die Töne sind deut­licher von­einander ab­gesetzt und der An­fang eines jeden Tones ist (vergleich­bar mit den Kon­sonan­ten unserer Spra­che) modulier­bar. Der kom­plexe Klang der Darm­saiten läßt erfah­rene Spieler vom zen­tralen Gestal­tungs­mittel des modernen Streich­instru­menten­spiels, dem Vibrato, weniger Ge­brauch machen. Beim his­torischen Ins­trumentarium kann der Spieler Ton­beginn und Ton­verlauf mit dem Bogen stark verändern und findet so in­dividuelle musi­kalische Gestaltungs­mög­lich­keiten. Erst die Homo­geni­tät und ton­liche Glätte der modernen Be­saitung machte das immer­währen­de, variable Vibrato als un­verzicht­baren Bestand­teil des Tones ästhetisch notwendig.

Spiel­technische Errungen­schaften bestimmten die Ent­wicklung des Streich­bogens vom archaischen Zu­behör­teil aus ein­heimischen Hart­hölzern im sech­zehnten un sieb­zehnten Jahr­hundert zum eleganten Tourte-Modell aus edlem Pernambuk­holz um 1800. Komplizier­tere Stricharten sind mit den Bogen­modellen des späten achzehn­ten Jahr­hunderts leichter ausführbar. Auch die Ton­gestal­tung, der Verlauf eines Tones läßt sich mit einem klassischen Bogen­modell leichter beein­flussen. Der Grund­klang eines Streich­instrumen­tes wird jedoch weniger vom je­weili­gen Bogen­modell als von der Material­wahl und dem Geschick des Bogen­machers bestimmt.

Am Ende des ach­zehnten Jahr­hunderts wurden sehr unter­schied­liche Bogen­typen verwendet: spät­barocke Modelle mit charak­teris­tischer Spitze, klassische Modelle mit ex­perimen­tellen Kopf­formen und die noch heute ge­bräuch­lichen, damals ganz neuen Tourte-­Modelle. Die Modelle unter­scheiden sich vor allem in der Länge, im Gewicht, der Ent­fernung der Haare von der Stange und der Biegung der Stange. Dabei kamen so unter­schied­liche Hölzer wie Eisen­holz, Schlangen­holz und Pernam­buk mit ihren spe­zifi­schen Klang­eigen­schaften zur Ver­wendung. Seit sich das Tourte-­Modell im frü­hen neun­zehnten Jahr­hundert durch­setzen konnte, er­fuhr der Streich­bogen nur noch einige Ver­änderun­gen im Detail, ledig­lich das Gesamt­gewicht eines Bogens ist heut­zuta­ge, um der größeren Saiten­spannung moderner Streich­instrumente gerecht zu werden, um etwa 10-15% erhöht.

Die Stimmtonhöhe

Im all­gemeinen kann man durch Aus­wertung von schrif­tlichen Dar­legungen und erhaltenen his­torischen Blas­instrumen­ten und Orgeln eine all­mäh­liche An­hebung der Stimm­ton­höhe (auch Kammer­ton genannt) um etwa einen Ganz­ton von a = 392′ am fran­zösi­schen Hofe des siebz­ehnten Jahr­hunderts bis zum modernen Stimm­ton a = 440′ seit dem frühen zwanzigsten Jahr­hundert belegen. Barock­musik, sei es Bach, Purcell oder Vivaldi, wird heut­zutage meistens mit der Stimm­ton­höhe 415′ musiziert; für das klassische Reper­toire geht man von einer Stimm­ton­höhe von a = 430′ aus. Irri­tierend bei der Stimm­ton­problema­tik ist die ab­weichende regionale Stimm­ton­höhe einiger bedeu­tender musika­lischer Zentren. So gibt es zum Bei­spiel Hin­weise darauf, daß der Kammer­ton in Venedig zu Anfang des ach­zehnten Jahr­hunderts bereits bei a = 440′ war, für Ham­burg nimmt man zur gleichen Zeit sogar a = 465′ an.

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